Ja spinnt da Beppi?! Ethnologische Beobachtungen in einem kleinen bayrischen Dorf zwei Tage vor Weihnachten

Ein kleines bayrisches Dorf – zwei Tage vor Weihnachten – Achtuhrdreissig in der Früh …

„Ja, geh` leck!“ höre ich den gemütlich aussehenden Mann vor mir in der schier endlosen Reihe an der Kasse das Getränkemarkts raunen. Die auf seinem Einkaufswagerl aufgetürmten Träger voller „Gustl“, wie das Augustiner Bier hier liebevoll genannt wird, überragen den Käufer ein ganz schönes Stückerl. Kein Wunder, sind doch die gstandenen Bajuwaren eher horizontal denn vertikal ausufernd. Da sehe ich mit meinem Träger Wasser richtig kläglich aus. Überhaupt komme ich mir gendertechnisch vollkommen unterrepräsentiert vor, denn etwa 18 gestande Mannsbilder reihen sich wie eine Perlenkette vor mir auf. Meist in gut eingetragenem Loden gehüllt oder zweckmäßig im Alltags-Trainingsanzug, der natürlich die Werbung des Dorffussballvereins trägt. Dazu ausgelatschte Winterstiefel, die schon bessere Jahre erlebt haben. Die bedenklich hoch beladenen Einkaufswagen stehen wir Trennstriche zwischen den „Mannern“. Stoisch warten sie darauf, ihre erlegte Beute vor der Kasse aufzuzählen: „Fünf Gustl, drei Zwickl, zwoa Weisse und a Kistn Limo fürn Buam“ höre ich den erfolgreichen Jäger aufzählen. Ob er auch an die Mama gedacht hat? Schon wechselt der Leergut-Bon die Hände, die zerschlissene Geldbörse wird gezückt – man zahlt hier noch immer Bar – und schon wackelt der Getränkejäger „Weidmannsheíl“ mit seinem Wagerl Richtung Parkplatz.

Die Reihe rückt a Stückerl vor …

„Ja Fonsi, hod dir dei Frau heit Ausgang g’ebn?“ frotzelt der Mittdreissiger an der Kasse. Ein Mann. Was wundert’s mich? Sind sie als Kassenkräfte ansonsten selten zu sehen. Aber in dieser urmännlichen Domäne – an der Tränke des wichtigsten Nass in Bayern – steht halt auch ein Mannsbild als Hüter des Schatzes. „Mei“, antwortet der Fonsi, „heit bin i ihr ned auskemma. Die regiert dahoam wie a Feldmarschall. Dera geht ma in die nächstn Dog besser ausm Weg, so zündig, wie sie grad ist.“ Mitfühlend nicken ein paar Mannsbilder in der Reihe.

Fonsis Beschreibung lässt mich in Erinnerungen schwelgen …

Ich seh` meine Großmutter mit einer bunten Kittelschürze und hochrotem Gesicht in der kleinen Küche über enorme Knödelwasser-Töpfe wachen, in denen gleich an die fünfzig Knödel Platz nehmen durften. Ihre Knödlkalkulation war einfach: Drei pro Mannsbild, eineinhalb für die Weiberleit  und genügend fürs Knödlgröstl am nächsten Tag. Die Feiertage wurden von der Oma generalstabmäßig durchgeplant und jeder bekam von ihr einen Auftrag. Wehe, wenn man den nicht in ihrem Sinne ausführte! Einmal versuchte ich, der ewig langen Warteschlange vor dem fränkischen Wurstgeschäft in der Hohenzollernstrasse zu entgehen und kaufte im Supermarkt um die Ecke ein. Grad dass sie mir das Wurstpackerl nicht um die Ohren haute. Omas „schau, dass’d weidakummst!“  ließ mich aber schnell zum Wurstgeschäft ihrer Wahl flitzen. So stand ich zweimal Schlange – und den Preis des Supermarkt-Wurstpackerls zog sie mir auch vom Weihnachtsgeld ab.

„Ja, Madl, bist Du krank?“

Mitfühlend schaut mich der Kassierer an. „Reicht Dir denn des Lackl Wasser? Do trinkt ja mei Dackl no mehra!“ Ich beschließe, mich nicht zu outen und spiel‘ lieber mit. „Na, d`Chefin dahoam wollt noch a Wasser fürn Bsuach hobn. Die kemma nämlich vo außerhoib.“  Das geht grad noch durch. Die hinter mir stehenden Männer nicken mir verständnisvoll zu. Ich zahle schnell und bringe das Wasser schnell zum Auto. Weiter geht’s …

Zum Bäcker oder zum Supermarkt?

Logistisch egal, denn überall stehen genervte Menschen Schlange. Ich entscheide mich für den Supermarkt. Unglücklicherweise habe ich beim letzten Einkauf die Feigenmarmelade vergessen, die ich für das Weihnachtsmenü brauche. Die Idee: rein – raus – zack zack. Die Realität: eine Horde von Einkaufswagen versperren die Durchgänge. Hier sind die Männer an der Unterzahl. Ein paar vereinzelte sind zum Schieben abkommandiert. Handlanger der mit ellenlangen Einkaufslisten hantierenden Frauen, die verschwitzt und am Rande des Nervenzusammenbruchs die Listen abhaken. Einige Männer wurden dazu abgestellt, sich schon mal in die Warteschlangen zu Reihen, die sich an den acht Kassen bis weit hinein in den Verkaufsraum ausgebreitet haben. Immer wieder kommen ihre Ehefrauen mit den Armen voller Waren vorbei und schütten es in den prall gefüllten Einkaufswagen, der schon leise ächzt. Akribisch wird überwacht, dass sich keiner vordrängelt oder dazwischen schiebt.

„Achtundvierzig Eurodrei …“ – ein altes Mutterl steht überfordert vor der Kassiererin

und kramt im Geldbeutel nach dem Kleingeld. Sie hat noch gelernt, dass man die Münzen im Geldbeutel nutzt um an der Kasse möglichst genau den errechneten Betrag zu überreichen. Sie kramt immer noch, während die Kassiererin schon den Differenzbetrag zum 50er in Händen hält, den ihr die betagte Frau gereicht hat. „Moment, ich hob’s glei“ nuschelt sie vor sich hin und wühlt sichtbar gestresst mit gekrümmten Fingern im Portemonnaie. „Passt scho, Soferl,“ antwortet die junge Frau hinter der Trennwand, die ihre Enkelin sein könnte. Man scheint sich zu kennen. Liebevoll drückt sie    der Soferl das Wechselgeld in die Hand und wünscht ihr und dem Wastl frohe Weihnachten. Ob das ihr Hund oder ihr Mann ist?

Ein paar verzweifelte Mannsbilder irren zwischen dem Haushaltsgeräte-Gang und dem Tchibo-Schmuckstand umher

um ein letzte-Minute-Geschenk für ihre bessere Hälfte zu finden. Waffeleisen oder Zirkonia-Ring? Auf keinen Fall darf nochmal ein Gutschein vom Edeka sein, erklärt mir mein Nachbar, den ich zufällig auf der Verkaufsfläche des Kaffeerösters treffe. Ob er denn die Ringgröße seines Weibs kenne, frage ich, ganz Shoppingberaterin. „Na, neda“. Schon hängen die Schultern ein Stückerl tiefer. Wie gut, dass Tchibo wohl die Misere kennt und einen Ausweg parat hält: ein schickes Set mit Kette und Ohrringen. Mein Nachbar strahlt über das ganze Gesicht, als ich ihm das Set überreiche. Wie sehr ich mich über sein „Du hast was guad bei mir“ freue, denn so kann ich ein weiteres Mal um seine handwerklichen Kenntnisse bitten, wenn ich mit meinen zwei linken Händen nicht weiter weiß.

Noch schnell zum Bäcker

an dem gerade nur etwa ein Dutzend Einkaufswagerl brav in Reihen vorm Eingang geparkt sind. Satt dösen sie vor sich hin. Im Verkaufsraum herrscht munteres Treiben. Die Traudl hinter der Theke läuft gerade zur Höchstform auf. „Ja, spinnt da Beppi – seit heit in der Fruah geht’s zum wia am Stachus!“ ruft sie über den Tresen und lacht ein ganz herzliches Lachen. Sie scheint richtig aufzublühen, wenn es hoch her geht. Im Vergleich zur Wiesn, so sagt sie, ist die Weihnachtszeit in einer Bäckerei fast wie Urlaub. Seit über 30 Jahren bedient sie in der Fischer Vroni auf dem Oktoberfest und ist ein stressresistentes Bollwerk, an dem übel gelaunte Bemerkungen von genervten Kundinnen mühelos abperlen. „Do herin brauchst schon a dicke Teflonschicht überm Gemüt“ lüftet sie ihr geheimes Rezept gegen Weihnachtsstress. Ich glaub ihr aufs Wort, wünsche ihr a staade Zeit zwischen den Jahren und bin froh, als ich dem Einkaufswahnsinn entfliehe und über die Felder nach Hause fahre.

Die staade Zeit

hallt in in meinem Inneren nach. Gibt es die überhaupt noch? Wenn ich sie mir nicht willentlich einräume, dann werde ich von all den Aufgaben, die ich mir auf den „zu-erledigen-Zettel“ schreibe, überrollt. Nachdenklich, gehe ich meine heutigen Termine durch. Sind sie wirklich alle  so unglaublich wichtig? Die fast täglich stattfindenden „Zoom-Call-Weihnachtsparties“? Die Buchhaltung? Das Öffnen aller digitalen Adventskalender, zu denen ich mich angemeldet habe? „Ja, spinnt da Beppi“ schmunzle ich vor mich hin und biege ab in den nächsten Wald. Dort werde ich jetzt einfach a Bisserl meine staade Zeit genießen …

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2 Kommentare

  1. Sabine Sammer

    Wenn die stade Zeit vorbei is, werd’s a wieder ruhiger…,

    das wusste schon Karl Valentin…

    Frohe Weihnachten – 🫶🏻 Sabine

    Antworten
    • mia

      wie recht er hat, der Karl!
      Ich wünsche Dir ebenfalls entspannte Tage zwischen den Jahren 💕

      Antworten

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