Kennst Du noch Paternoster-Aufzüge? Da fahren eine Reihe von offenen, hölzernen Kabinen in zwei Schächten endlos im Kreis. In dem einen Schacht fahren sie immer nach unten, im anderen Schacht geht es immer aufwärts. Haltestellen gibt es keine. Wer mitfahren will, muss während der Fahrt einsteigen.

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Auch heute noch klopft mein Herz, wenn ich einsteigen will:

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  • Ich muss den richtigen Zeitpunkt finden, abzuspringen.
  • Ich muss den vermeintlich sichereren, stabilen Boden verlassen.
  • Ob mich der sich bewegende Boden trägt?
  • Springe ich, dann lasse ich mich auf die Fahrt ein, ohne zu wissen, ob mich die Kabine durch einen Kreislauf trägt.
  • Vertraue ich dem nicht, so nehme ich die Reise nur als lineares Bewegungsmittel wahr, das mich nach oben oder nach unten trägt.

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Paternoster heißt übersetzt „Vater unser“

Ein Hinweis, der mich neugierig macht. Ein Aufzug, der nach DEM christlichen Gebet benannt ist?

Das „Vater unser“ wurde lange mit dem Rosenkranz gebetet, der früher „Paternosterschnur“ genannt wurde. Er hat einen ähnlichen Aufbau wie der Aufzug: So wie die aneinandergereihten Perlen des Rosenkranzes beim Gebet durch die Finger gleiten, laufen die an den Ketten aufgehängten Kabinen in einer Endlosschleife.

Ein Aspekt dieses Vergleichs hat meine Aufmerksamkeit besonders erregt: die zwei Arten, wie wir spirituelle Traditionen oder Praktiken sehen können: entweder als „aufsteigende“ und als „absteigende“ Tradition.

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Doch was heisst denn genau „aufsteigend“ und „absteigend“?

Ein Vortrag der Insight Meditation Houston, den Joan Parisi Wilcox in einem ihrer Blogartikel erwähnt, erklärt es ziemlich einleuchtend:

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. . „Mit dem Aufsteigenden . . . kommt die Vorstellung einer Hierarchie des Seins, die sich von der Materie über den Verstand zum Geist aufwärtsbewegt. Der Geist ist buchstäblich übernatürlich, er steht über der Natur. Es befindet sich in transzendenten Bereichen, und in den großen Weltreligionen wird Erlösung oder Transformation als Aufstieg auf der Leiter zur Transzendenz verstanden, wobei im Wesentlichen die unteren Bereiche der Materie und des weltlichen Lebens hinter sich gelassen werden. Damit einher geht oft eine Verunglimpfung des Körpers. . . .

Präaxiale Religionen. . . wie Animismus und Schamanismus, sind weitgehend absteigend. Sie sehen das Göttliche nicht über der Natur und der Welt, sondern als in ihr eingebettet: das Göttliche durchdringt die natürliche Welt. Spiritualität ist Teil des Gefüges der Natur und der Erde. Transformation wird nicht durch das Verlassen der Welt gesucht, sondern durch eine größere Verbindung, eine tiefere Ordnung der Verbindung mit der Natur, anderen Menschen, dem Körper.

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Aufsteigende Religionen betonen also ein transzendentes Heiliges; Absteigende, ein immanentes Heiliges.“

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Der Franziskanerpater Richard Rohr erklärt es noch eindringlicher:

„Der größte Teil der spirituellen Geschichte hat bisher versucht, uns aus dieser Welt der Vielfältigkeit, Formen, Weltlichkeit, Verkörperung und ‚Sünde‘ in die transzendente Einheit zu führen, die die Meisten Gott, Heiligkeit, Reinheit oder einfach der Himmel nennen. Dieser ziemlich universelle Wunsch nach Aufstieg entspringt sicherlich unserem verständlichen, aber dennoch egoistischen Wunsch, diesem „Tal der Tränen“ zu entfliehen, „errettet zu werden“ und sich überlegen zu fühlen und irgendwie über dieser chaotischen Vielfalt und Sündhaftigkeit zu stehen. Dies ließ uns jedoch in einer leeren und desillusionierten Welt zurück, die kaum wahrnehmbar war, weil das Göttliche immer anderswo und darüber hinaus war.“

Spannend ist: Die meisten Traditionen, insbesondere die meisten der „großen“ religiösen und spirituellen Schulen, sind aufsteigende Traditionen. Wenige steigen ab.

Wenn ich das Götttliche überall in mir und um mich erkenne, in meinem Körper, in der Welt der Materie, dann muss ich mich dem Leben nicht entziehen. Wenn ich den Mut habe, darin einzutauchen, dann muss ich das Göttliche nicht unerreichbar in himmlischen Sphären suchen.

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Im Grunde geht es doch immer nur um eines: VERBINDUNG

Der Kreislauf des Lebens kann – so wie ein Paternoster – nur erlebt werden, wenn ich mich der lebendigen Energie, des ewigen Kreises anvertraue und mich für eine Kabine und eine Fahrtrichtung entscheide, die mir dabei hilft, das Göttliche in mir zu erfahren.  

Habe ich dann einmal die eine Richtung erkundet, dann steht es mir frei, es dabei zu belassen und das Göttliche eindimensional zu definieren oder mutig zu sein und auch die entgegengesetzte Richtung zu erforschen.

Ob Du nun erst einmal aufwärts oder abwärts fährst, bleibt Dir überlassen. Das Gute ist: es gibt kein besser oder schlechter und Du kannst jederzeit die Richtung wechseln.

Ruft Dich die absteigende Tradition, dann lade ich Dich zu einer geführten Reise durch das Medizinrad ein, die Du Dir kostenlos anhören kannst. 

von Herz zu Herz, Deine Mia